Schon seit einigen Tagen hatte mich dieses nervöse Gefühl gepackt. Spätenstens seit dem Hinspiel Sieg in Bern wurde die Spannung aber fast unerträglich. Man hatte irgendwie nur einen Gedanken und das war dieses Rückspiel am Mittwoch in Istanbul. Neben der grossen Nervosität auf das Spiel, kam auch noch das mulmige Gefühl auf, was uns wohl in der Türkei erwarten würde. Der Empfang unserer Nationalmannschaft, war ja wie zu erwarten nicht gerade herzlich. So machten sich natürlich unsere Nächsten schon einige Gedanken und oft kam die Frage auf „Wollt ihr da wirklich hin?“

Aber klar wollten wir da hin und so machten sich 4 Ostschweizer und 6 Berner am Dienstag Abend via Stuttgart auf nach Istanbul. Die Reise begann schon sehr ereignisreich, so hat es z.b der geschätzte Kollege Lüthi („Heute fährt die 18 bis nach Istanbul,Istanbul“) tatsächlich fertig gebracht jeden uniformierten Deutschen in äusserste Rage zu versetzen. Ein weiterer Berner, ich nenne aus Rücksicht keinen Namen, verbrachte den Hinflug von Stuttgart nach Istanbul dagegen mit einer Tüte vor dem Mund (tja, scheiss Ami Fast Food, ich sags ja immer...).

In Istanbul kamen wir nachts um 3.00 an.Wir waren gespannt, ob es auch für uns irgendwelche Schikanen am Zoll geben sollte, aber nichts dergleichen. Ein freundlicher Türke, der auch mit der Maschine aus Stuttgart angekommen war, besorgte dann drei Taxis, die uns zum Hotel bringen sollten, dass uns wiederum freundlicherweise der Mark ausfindig gemacht hatte. Hotel Erdim hiess unser Ziel, eine türkische Arbeitskollegin von Mark hatte da angerufen und man sagte ihr, wir sollten nur kommen, es gebe genügend freie Zimmer.

Hundemüde freuten wir uns alle auf ein Bett, als wir vor dem Hotel standen. Tja,zu früh gefrüht. „Hotel Erdim, Problem, Hotel Erdim Full“! genau diesen Satz hörten wir nun ca. eine halbe Stunde andauernd von unsern 3 Taxi Fahrern. Wieso auch immer, dass Hotel auf einmal voll sein sollte keine Ahnung, aber nach hitzigen Diskussionen, liessen wir uns einigermassen wiederwillig von den 3 Taxi Fahrern nach Bendik fahren, wo „zufälligerweise“ ein Bekannter eines Taxi Fahrers noch mehrere Zimmer frei hatte .

Am folgenden Morgen, wurden die meisten von uns um halb sechs bereits wieder geweckt. Der Capo von den Ultras Islam gab via Lautsprecher einige Sprechchöre zum besten. Im Halbschlaf dachte ich im ersten Moment, dass Ayatollah Khomeini persönlich bei uns im Zimmer steht, so laut kamen die Aufrufe von der Moschee gegenüber in unser Zimmer gedröhnt. Nachdem man dann doch noch ein paar Stunden Schlaf fand, zeigte uns der freundliche Besitzer des Hotels die Einkaufsstrasse von Bendik und auch noch die schon erwähnte Moschee. Es war natürlich von Vorteil, dass der Hotel Besitzer deutsch sprach („ich arbeiten 15 Jahr in Uster, schön da, schön da, kennst du?).

Mit Kollegen vom Chef (ich glaube mittlerweile alle Türken sind irgendwie Kollegen untereinander, wenn’s ums Geld verdienen geht), gings dann gegen vier Uhr zum Stadion von Fenerbahce. Die Fahrt war eindrücklich, jetzt bei Tageslicht sah man wie eindrücklich dieser Millionen Moloch Istanbul ist.

Beim Stadion angekommen, sahen wir tausende Türken die sich auch schon Stunden vor dem Spiel eingefunden hatten. Wir zehn Individual-Reisenden suchten jetzt einigermassen orientierungslos nach dem Eingang zum Gäste Sektor. Wir wollten natürlich auf keinem Fall noch lange vor dem Stadion rumlungern, was wohl jeder verstehen kann. Die Polizei war dabei keine grosse Hilfe, keiner konnte (wollte?) uns sagen, wo sich der Eingang zum Gäste Sektor befand. Nachdem wir beinahe einer Horde Hardcore Türken Fans in die Hände gelaufen wären, fanden wir schliesslich doch noch unseren Eingang. Wieviel tausende Polizisten im Einsatz waren, sah man auch daran, dass es nur wenige Sekunden ging und es standen ca. 30 Polizisten zu unserm Schutz vor dem Gäste-Eingang. Die Eingangskontrollen waren irgenwie total chaotisch, so wurde ich ca. 6 mal durchsucht, u.a unsere Fahne wurde da eingezogen, Dani Thoma musste sein Handy abgeben.

Die nervöse Warterei bis zum Spiel war kaum auszuhalten. Die Türken sorgten schon 2 Stunden vor dem Spiel für mächtig Dampf auf der Tribüne und wir konnten jetzt schon erahnen was auf uns zukommen würde. Von unserem Sektor aus konnten wir auch beobachten wie die Schweizer Fan Busse ankamen, diese wurden wie zu erwarten mit reichlich Gemüse und sonstigem Zeugs eingedeckt. Nach und nach trafen auch weitere Nati-Stammfahrer ein, sogar die Luzerner schafften es noch 10 Minuten vor Spielbeginn ins Stadion, sie hatten mit dem Fan-Bus eine mühsame Anfahrt von 2 Stunden vom Hotel ins Stadion hinter sich.

Endlich ging es los, die Spannung erreichte ihren Höhepunkt. Unsere Hymne wurde natürlich total verpfiffen, auch kam danach bei jedem Ballkontakt eines Schweizers der Stadionsprecher ins Spiel, der die Zuschauer aufforderte zu pfeiffen. Ich finde es ja genial, wenn das Publikum so heissblütig mitgeht, aber jedes Mal wenn sich in irgend einem Stadion der Sprecher während des Spiels einmischt, krieg ich die Krise. Das andauernde Hineinwerfen von Gegenständen ist auch eine Unsitte in der Türkei und hat aus meiner Sicht mit Fussball-Fan sein, nichts zu tun. Zum Spiel will ich ansonsten nicht mehr viel schreiben, hat ja eh jeder gesehen. Ich persönlich ging durch ein Wellenbad der Gefühle, zwischen höchster Euphorie und tiefster Resegnation. Zusätzlich mussten wir im Gästeblock auch immer darauf achten, was gerade von den türkischen Fans geflogen kam, da waren einige „schöne“ Sachen darunter, wir „freuten“ uns über eine bengalische Fackel, diverse Batterien, Flaschen, Golfbälle und vieles mehr. Der Hammer kam allerdings erst nach dem Spiel, nachdem wir zuerst total enthusastisch unsere WM-Teilnahme feierten, schoss auf einmal ein total verrückter Türke einen Farbeimer auf uns hinunter, es reichte ihm allerdings noch nicht das nun einige Schweizer Fans weiss eingefärbt waren. Der geisteskranke Typ schoss nun auch noch ein Ablaufrohr auf uns herunter, was dem Erich von der Luzerner 60’ Fraktion eine Fingerprellung einbrachte. (Anm.Die oberste Tribüne links von unserem Block aus gesehen, ist noch nicht ganz fertig, daher hatte der Spinner wohl die Möglichkeit einiges an Baumaterial auf uns zu werfen.) Wir verzogen uns daraufhin verständlicherweise in das Innere des Blocks, wo es dann bis auf ein bisschen Pfefferspray, den irgend ein Vollidiot rumgesprüht hatte, ereignislos blieb. Ein weiteres Mal wagten wir uns allerdings noch auf die Tribüne. Köbi Nationale lief über den Rasen des Sükrü Saracoglu Stadyumu und so konnten wir wenigstens noch mit unserem Nationaltrainer den historischen Erfolg der Schweizer Nationalmannschaft feiern. Nach ca. 1,5 Stunden war dann die Blocksperre vorbei und meine schlimme Befürchtung wurde war, unser „Gossau-fen“ Transparent war nirgends mehr....Scheisse! Ich habe mich innerlich schon damit abgefunden, als plötzlich jemand ihn unseren Bus kam und fragte „Ob hier jemand ein Ostschweizer Transparent suche?“ DANKE

Nun gings mit den Travel-Club Bus, hier ein Dank an die Westschweizer Nati-Stammfahrer die uns im Bus untergebracht haben, zurück zum Flughafen. Die Strassen waren hermetisch von der Polizei abgeriegelt, jede kleinste Seitengasse war von 3-4 Polizisten bewacht und so kamen wir schlussendlich heil am Flughafen an. Der unvergessliche Tag fand sein Ende mit einigen Bierchen am Flughafen.

PS 1: Ich habe sehr viele nette und gastfreundliche Türken kennengelernt. Die Türken die deutsch gesprochen haben, entschuldigten sich bei mir auch für das teilweise primitive Verhalten ihrer Landsleute. Wie schon im Bericht erwähnt, ist mir ein fanatisches Publikum tausendmal lieber als ein Publikum das nur emotionslos dem Spielgeschehen zusieht. Allerdings hatte ich bei einigen Türken eher das Gefühl, dass es sich bei dem Spiel um einen Krieg handeln würde. Die hasserfüllten Augen von einigen Spielern und Fans waren schon beänstigend. Man hatte das Gefühl es gehe hier um Leben und Tod. Die FIFA muss einschreiten, man muss dem türkischen Verband klar machen, dass es so nicht weitergeht.

PS 2: Als ich vor ca. einem Jahr mein Team Ticket für die Schweizer Nationalmannschaft bestellt habe, dacht ich ehrlich gesagt nicht daran, dass wir die Quali überstehen würden. Ich habe mich glücklicherweise getäuscht, was unsere Jungs im Rahmen der WM-Qualifikation abgeliefert haben, ist für eine so junge Mannschaft schlichtweg grandios. Wir spielten zweimal ein Unentschieden gegen die Franzosen und gegen die Iren und kamen über die Spiele gegen den WM-Dritten Türkei an die WM, diese Mannschaft hat Potenzial und Charakter und macht richtig Freude.

EINE GEILE REISE DIE WIR NIE VERGESSEN WERDEN!

WIR WERDEN WELTMEISTER,WELTMEISTER, WELTMEISTER SEIN!!!!

Träumen darf man ja noch.....(Campino)

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